Articly: Wie eine innovative Plattform den Journalismus und das Leseverhalten verändert – Ein Gespräch mit den Gründern

„Articly“ bietet eine Plattform für vertonte Artikel renommierter Medienmarken. Die beiden Gründer erläutern im Interview ihre Hintergründe, die Vorteile für Nutzer und Verlage u.v.
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Hallo Wolf, hallo Lukas. Würdet ihr beide euch kurz einmal vorstellen?


Wolf: 

Ich bin Wolf Weimer und vor etwas mehr als zwei Jahren gründete ich “die App für Zeitung zum Hören” in München. Vorher arbeitete ich bei PwC, einer Unternehmensberatung, und half beim Aufbau eines Software-Business für das Unternehmen. Als Medienmensch hatte mich schon länger die Idee für Articly beschäftigt. Mit Unterstützung des Media Labs wagte ich den Schritt und entwickelte Articly weiter. Als das Unternehmen wuchs, beschloss ich, meinen Corporate Job aufzugeben und mich vollständig dem Startup-Leben zu widmen.

Lukas: 
Mein Name ist Lukas Paetzmann, und obwohl ich ursprünglich aus München komme, habe ich 18 Jahre lang woanders gelebt und eine große Rundreise durchs In- und Ausland gemacht. In den letzten 5 Jahren war ich bei Google in Dublin im Bereich des digitalen Marketings tätig. Während meiner Zeit dort habe ich Start-ups und große Unternehmen unterstützt, ihre Firmenstrategien in digitale Strategien umzusetzen, einschließlich Werbung und Zielgruppenansprache. Obwohl ich die Möglichkeit hatte, in diesem Bereich weiterzuarbeiten, reizte es mich, meine eigenen Projekte umzusetzen.

Persönlich bin ich ein großer Fan von Audioinhalten und habe Tausende von Minuten Podcasts gehört. Mich hat es immer gestört, dass ich die Podcasts auf dem Weg zur Arbeit nur in kurzen Abschnitten von 10 Minuten hören konnte. Es war stressig, den Podcast so oft ein- und auszuschalten. Als ich herausfand, dass Wolf bei „Die Höhle der Löwen“ war und von Articly erfuhr, fand ich es großartig. Wir trafen uns, diskutierten über Articly und ich sah darin eine großartige Gelegenheit, bei einem bestehenden Produkt einzusteigen und bei der Skalierung zu helfen. Im Herbst des letzten Jahres stieg ich praktisch bei Articly ein, und seitdem haben wir intensiv zusammengearbeitet und am Projekt gearbeitet.

Ihr seid seitdem gewachsen richtig? Wie groß seid ihr mittlerweile? 

Lukas: 

Unser Kernteam besteht aus drei Personen: uns beiden als festen Mitgliedern, sowie Nour Orjany, unserem CTO in Residence, der als Audiopionier bei Spotify bekannt ist. Wir haben nun auch eine Person in unserem Team, die sich um den Bereich Social Media Content kümmert. Darüber hinaus haben wir ein erweitertes Netzwerk von freiberuflichen Unterstützern, darunter einen PR-Experte und die Softwareagentur, die unsere App entwickelt hat. Wir arbeiten auch mit einer Vielzahl von Sprechern zusammen, mit denen wir langfristige Beziehungen aufgebaut haben. Inzwischen haben wir einen Pool von etwa 40 bis 50 Personen. Wir haben unsere Sprecher anfangs über größere Freelancer-Plattformen gefunden, aber mittlerweile haben wir eine Person in unserem Team, die sich um die Koordination und Zuordnung der Sprecher zu den Artikeln kümmert. Die Auswahl der richtigen Stimme für jeden Artikel ist entscheidend, da die Nutzer sehr kritisch in Bezug auf die Stimmen sind. Wenn ihnen eine Stimme nicht gefällt, hören sie sich den Artikel oft gar nicht erst an. Daher legen wir großen Wert darauf, die passende Stimme für jeden Artikel auszuwählen und die Koordination sorgfältig durchzuführen.

Wie war es für dich Wolf bei der Sendung „Die Höhle der Löwen“ dabei gewesen zu sein?

Wolf: 

Es war definitiv eine neue Erfahrung, sich selbst im Fernsehen zu sehen und zu wissen, dass Millionen von Menschen dasselbe tun. Ich bin insgesamt sehr zufrieden damit, wie es verlaufen ist. De facto steht man übrigens fast zwei Stunden vor der Kamera – im Fernsehen sieht man dann nur die 20 Minuten. Der Einfluss der Sendung auf unser Unternehmen war auf jeden Fall enorm. Während unserer Watchparty konnten wir dann live verfolgen, wie seküdlich neue Nutzer die ARTICLY App öffneten.

Lukas:

Wir sind zudem sehr transparent und teilen regelmäßig Updates auf LinkedIn. Dort haben wir festgestellt, dass es einen interessanten Austausch gibt, und wir möchten nicht verstecken, was bei uns passiert. Es ist uns wichtig, in der Verlagsbranche zu zeigen, dass ein Start-up in diesem Bereich erfolgreich sein kann, ohne dass es automatisch das Ende für andere Verlage bedeutet. Wir betonen die Möglichkeit der Koexistenz und sehen bei uns eine positive Entwicklung, was ein gutes Zeichen ist, dass wir gemeinsam erfolgreich sein können.

Wie war die Zusammenarbeit mit Carsten Maschmeyer?           

Wolf

Die Zusammenarbeit mit Carsten Maschmeyer ist nach wie vor sehr eng, obwohl es sich für ihn ja eigentlich um ein kleineres Investment handelt. Er ist voll und ganz engagiert und erkundigt sich regelmäßig nach dem Fortschritt. Auch sein professionelles Team, das sich ausschließlich um seine Startups kümmert, steht uns jederzeit mit Rat und Tat zur Seite. Obwohl sie sich nicht zu sehr in inhaltliche Themen einmischen, sind sie da, wenn wir Unterstützung benötigen. Darüber hinaus ist sein Netzwerk äußerst hilfreich für uns in der Ansprache neuer Kunden. So ist letztlich auch der Deal mit der Deutschen Bahn eingefädelt worden. Seit ein paar Wochen kann man ARTICLY kostenlose im ICE Portal hören. Dadurch hat Articly noch einmal einen erheblichen Bekanntheitsschub bekommen.

Wir haben zudem gemeinsam mit dem Team von Carsten Maschmeyer mehrere Marketing-Workshops durchgeführt. Diese Erfahrungen sind äußerst wertvoll, da beispielsweise LinkedIn derzeit das erfolgreichste soziale Netzwerk für uns ist. Dabei liegt der Schwerpunkt auf der Nutzung unseres persönlichen LinkedIn-Accounts, da dieser eine viel größere Reichweite erzielen kann als der Unternehmensaccount von Articly.

Welche Vorteile bietet Articly aus Sicht der Nutzer im Vergleich zu Hörbüchern oder Podcasts?

Erstens ermöglichen wir den Zugang zu einer Vielzahl verschiedener Anbieter auf einer einzigen Plattform. Nutzer können ausgewählte Artikel der Top-Medienmarken wie FAZ, Süddeutsche, Welt, Handelsblatt und anderen finden, ohne sich an eine einzige Marke binden zu müssen.

Zweitens vertonen wir relevante Artikel, die man sehr gerne lesen möchte, es aber oft an der Zeit fehlt.  Unsere Artikel können gehört werden, was es den Nutzern ermöglicht, sie nebenbei zu konsumieren. Ob auf dem Weg zur Arbeit, beim Spazierengehen oder während alltäglicher Aufgaben wie Kochen oder Putzen – die Nutzer können Artikel anhören und haben dabei die Hände frei. Dies ist besonders vorteilhaft bei längeren Artikeln, da unsere Plattform auf Qualitätsjournalismus setzt und das Hören während anderer Tätigkeiten angenehmer ist.

Der dritte Vorteil ist die Emotionalität. Durch die Stimme der Sprecher werden die Artikel mit Emotionen verbunden. Betonung und die Art der Formulierung schaffen eine Verbindung zwischen Information und Emotionalität. Studien zeigen, dass beim Hören Informationen besser behalten werden als beim Lesen. 

Im Vergleich zu Podcasts und Hörbüchern unterscheiden sich unsere Hörartikel durch ihre vertrauenswürdigen Quellen und den Qualitätsjournalismus. Unsere Artikel durchlaufen den Review-Prozess und basieren auf fundierter Recherchezeit. Im Gegensatz dazu bieten Podcasts oft eher Konversationen oder Unterhaltung mit einem höheren Unterhaltungsfaktor als direkte Artikel. Zudem bieten unsere Artikel eine höhere Informationsdichte im Vergleich zu vielen Podcasts, bei denen häufig mehr Geplauder vorherrscht.

Viele Menschen haben das Bedürfnis, mehr Zeitung zu lesen oder sich intensiver mit bestimmten Themen auseinanderzusetzen, jedoch fehlt ihnen die Zeit oder Motivation, aktiv Zeitungen zu kaufen oder zu lesen. Hier setzt Articly an und ermöglicht es den Nutzern, hochwertige Artikel bequem zu hören und sich weiterzubilden.

Welche Möglichkeiten bietet Articly den Verlagen, um ein neues Geschäftsmodell zu entwickeln und wie könnt ihr als Plattform für sie relevant sein?

Lukas: 
Unser Fokus liegt vor allem auf den Vorteilen, die unser Angebot für Verlage mit sich bringt. Durch den herkömmlichen Erwerb von Artikeln eröffnen wir ihnen eine neue Einnahmequelle. Zusätzlich bieten wir Revenue-Sharing-Modelle an, bei denen Verlage bei überproportional hoher Nutzung auch überproportional entlohnt werden. Wir befinden uns derzeit in der ersten Pilotphase dieser Modelle.

Gleichzeitig bieten wir dem Qualitätsjournalismus eine neue Plattform, indem wir Artikel, die ursprünglich oft nur in gedruckter Form oder versteckt auf der Website vorlagen, vertonen und auf unsere Plattform hochladen. Durch unsere Präsenz in der Sendung „Die Höhle der Löwen“ konnten beispielsweise 2 Millionen Menschen Artikel sehen, für die wir den Verlagen Geld gezahlt und Werbung gemacht haben.

Unser Angebot ist stets kuratiert, da wir nicht die gesamte Tages- oder Wochenzeitung anbieten, sondern ausgewählte Artikel veröffentlichen. Aktuell befinden wir uns in der Überlegungsphase, wie wir mit Special Interest umgehen sollten. Die Einführung verschiedener Kategorien wird erwogen, um den Nutzern eine selbstständige Navigation zu ermöglichen.

Darüber hinaus haben wir eine umfangreiche Expertise im Bereich Audio und Journalismus aufgebaut. Wir verstehen, was die Menschen hören wollen und bieten Verlagen die Möglichkeit, ihre Artikel zu vertonen. Eine eigene Web-App befindet sich in der Entwicklung. Zudem planen wir, Articly als White Label anzubieten, sodass andere Unternehmen die Artikelplattform unter ihrem eigenen Branding nutzen können und ihren Benutzern die Möglichkeit bieten, die Artikel anzuhören.

Wolf:
Durch die Generierung eines hohen Volumens an vertonten Artikeln bieten wir den Verlagen vergleichsweise niedrige Preise an. Wir sehen jedoch einen möglichen wiederholten Fehler in der Verlagsbranche, ähnlich wie vor 20 Jahren im Aufkommen der ersten News-Webseiten. Anstatt alles kostenlos anzubieten, eröffnen wir den Verlagen den direkten Einstieg in “Paid Audio” und damit einen neuen Monetarisierungsweg ihrer Inhalte. 

Lukas: 
Wir führen intensive Gespräche mit Verlagen, um ihnen unsere Audio-Plattform und vertonte Artikel anzubieten. Einige Verlage möchten ihre vertonten Artikel von uns erhalten, um Ressourcen zu sparen. Wir bieten eine Auswahl aus über 50 qualifizierten Sprechern an, was für kleine Verlage kosteneffizient ist.

Wie bewertet ihr die Entwicklung von hochwertigem Content in Bezug auf die Print- und Verlagsbranche? Angesichts verschiedener Faktoren wie KI und anderen Einflüssen spielt die Entwicklung eine wichtige Rolle. Wie schätzt ihr diese Entwicklung für die nächsten 5, 6  oder 7 Jahre ein, da sie sowohl für den Journalismus als auch für euer Unternehmen von Relevanz ist?

Lukas: 
Wir erkennen die Wichtigkeit unserer Rolle als Moderatoren und Kuratoren angesichts der Fülle an KI-generierten Inhalten. Unsere redaktionellen Kapazitäten und Mitarbeiter unterstützen uns dabei, objektive Auswahl und vielfältige Perspektiven zu gewährleisten. Das geht natürlich mit einer großen Verantwortung einher, aber wir sind überzeugt, dass dies notwendig ist, um unseren Benutzern eine verlässliche und sichere Informationsquelle zu bieten. Unsere Rolle als Moderatoren und Kuratoren wird immer wichtiger, während wir uns von automatisch generierten Inhalten abheben.

Wolf: 
Ich bin optimistisch und glaube fest an einen Platz für Qualitätsjournalismus in der heutigen Mediengesellschaft. Trotz des Wandels in der Branche gibt es erfolgreiche Beispiele für hochwertigen Journalismus. Die Nachfrage nach qualitativ hochwertigen Inhalten wird meiner Meinung nach auch in Zukunft bestehen bleiben. Es ist möglich, dass das Lesen abnimmt und das Hören von Inhalten zunimmt. Dennoch sehe ich die Zukunft der Medien insgesamt positiv und bin überzeugt, dass fundierte Recherchen und umfangreiche Inhalte weiterhin geschätzt werden, möglicherweise sogar mehr als zuvor.


Und Warum ist eine Zusammenarbeit mit euch keine Kannibalisierung?

Wolf: 

Aus drei Gründen stiften wir einen positiven Wertbeitrag für unsere Kooperationspartner. Erstens: Wir bieten unseren Medienpartnern Zugang zu neuen, hochklassigen Zielgruppen. Zweitens: Wir bieten in unserer App nie die Gesamt-Publikation an, sondern nur ausgewählte Artikel. Drittens, unsere Nutzer haben in der Regel kein Zeitungsabo, wenn sie zu uns kommen. Im Laufe der Zeit können wir sie aber oft für unsere Partner begeistern, sodass sie dann über ein Abo bei den Zeitungen selbst nachdenken. 

Stellt euch vor, ihr hättet die Möglichkeit, der Verlagsfee drei Wünsche für euer Unternehmen zu nennen, die sie euch sofort erfüllen würde. Welche drei Wünsche würdet ihr formulieren?

Lukas: 

Es wäre wünschenswert, wenn Medienunternehmen, unabhängig von ihrer Größe, eine grundsätzliche Offenheit hätten, mit Startups zusammenzuarbeiten. Die Verlage könnten beispielsweise sagen: „Hier sind fünf unserer Artikel, es entstehen keine Kosten und ihr könnt damit machen, was ihr möchtet.“ Einige Verlage könnten Bedenken haben, dass wir ihr Geschäft mit den fünf Artikeln beeinträchtigen könnten, doch oft wird unterschätzt, wie sehr wir daran interessiert sind, eine Win-win- Situation zu schaffen.  Diese Offenheit der Verlage, mit uns zusammenzuarbeiten, wäre für uns von großer Bedeutung.

Wolf: 
Eine einheitliche Lizenzierung und Vermarktung von Artikeln wäre für uns erleichternd. Derzeit gehen die Verlage individuell vor und es gibt keine standardisierten Prozesse wie in der Buchbranche. Es wäre vorteilhaft, eine zentrale Instanz zu haben, die Artikelrechte weitergibt, sodass wir die Artikel nicht nur von einem Verlag, sondern auch von anderen Stellen nutzen könnten. Die Etablierung solcher Prozesse in der Verlagsbranche wäre sehr hilfreich für uns, da es schwierig ist, mit jedem Verlag einzeln Vereinbarungen zu treffen. Eine Möglichkeit zum Erwerb von Lizenzen würde uns definitiv weiterhelfen.


Wir streben an, jedem Verlag dasselbe Angebot zu machen, insbesondere den größeren Verlagen, um eine Content-Partnerschaft einzugehen. Unser Ziel ist es, mit Articly den Audio-Player in der deutschen Verlagsbranche zu etablieren und sicherzustellen, dass Unternehmen wie Amazon, Google oder Apple keine dominierende Rolle in der deutschen Medienlandschaft einnehmen. Der Wunsch daraus wäre dann, dass wir als unabhängiger Player aus Deutschland eine Position einnehmen, an der sich alle Verlage beteiligen und Einfluss nehmen können.

Vielen Dank euch beiden für das inspirierende Interview. Ich freue mich, in Zukunft von euch und Articly zu hören. 

Wolf Weimar und Mitgründer Lukas Paetzmann lernten sich bereits zehn Jahre zuvor während des Bachelor-Studiums in Friedrichshafen kennen und standen seitdem in Kontakthaben seitdem den Kontakt. Während Wolf Weimar bei PwC arbeitete, arbeitete Lukas Paetzmann bei Google in Dublin. Bei einem Treffen in Berlin kamen die beiden ins Gespräch und Wolf erzählte von seiner Idee. Lukas war begeistert und nach ein paar Wochen beschlossen die beiden, es gemeinsam anzugehen. So begann die inspirierende Geschichte von dem Start-up.

Autor:innen

Sophia Becht
Sophia Becht

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